Geschichte

1 Geschichtlicher Abriß

2 Bauliche Entwicklung

3 Biotechnische Entwicklung

3.1 Samenproduktion

3.2 Schweinebesamung

3.3 Embryotransfer

4 Züchterische Entwicklung

4.1 Einige prominente Bullen

4.2 Tierschauen

4.3 Zuchtwertschätzung

4.4 Hornloszucht

4.5 Test mit Fleischrassen

4.6 Test mit Milchrassen

5 Verbindung mit anderen Organisationen

 

Geschichtlicher Abriß

Am 1.2.1949 ließ sich Dr. Kurt Tuchlinski in Marktredwitz als praktischer Tierarzt nieder. Die Praxis wurde vom späteren Amtstierarzt Dr. Siegle, danach von Dr. Kurt Miller, Dr. Donath und heute von Dr. Rudloff und Frau Dr. Arnold weitergeführt.

Da in der Nachkriegszeit massiv Deckseuchen grassierten, war die Fruchtbarkeitslage in den damaligen Rinderbeständen denkbar schlecht. Dr. Tuchlinski empfahl den Bauern als einzig wirksame Gegenmaßnahme die Einführung der künstlichen Besamung. In den Gemeinden Lorenzreuth und Wölsau entschloß man sich als erste zu der modernen Befruchtungsmethode. Seit dem 1.1.1950 wird in diesen zwei Gemeinden bis zum heutigen Tag der Rinderbestand über die künstliche Besamung vermehrt. Der Samen wurde zunächst von dem damals neu gegründeten Besamungsverein Neustadt an der Aisch besorgt. Die Milchversorgung Marktredwitz bezuschußte damals die Erstbesamung mit 2,- Mark, um sich auch weiterhin die Beschaffung des Rohstoffes Milch zu sichern.

Zum 15. März 1951 lud der damalige Ortsobmann des Bauernverbandes Lorenzreuth, Herr Gustav Gläßel, zu einer Versammlung in der Gastwirtschaft Pöhlmann ("Grüner Baum") in Lorenzreuth ein mit dem Zweck, eine Besamungsgenossenschaft zu gründen. Herr Direktor Opel vom Milchhof Marktredwitz leitete als zukünftiger Geschäftsführer der Genossenschaft die Versammlung. Herr Dr. Kurt Tuchlinski gab die technischen Erläuterungen. Als erster Vorstandsvorsitzender der neu gegründeten Genossenschaft wurde Bürgermeister Richard Glaß, Wölsau (Mitglied Nummer 1) gewählt. Als 2. Vorstand Gustav Gläßel, Lorenzreuth (Mitgl. Nr. 2). Als Aufsichtsratsvorsitzender konnte Bürgermeister Adolf Rasp aus Korbersdorf (Mitgl. Nr. 3) gewonnen werden. Weiter Aufsichtsräte wurden Heinrich Rogler, Brand (Mitgl. Nr. 4) und August Hanold, Marktredwitz (Mitgl. Nr. 8). Neben den gewählten Ehrenamtlichen traten an diesem Abend von den 42 anwesenden Landwirten drei weitere Mitglieder der Genossenschaft bei. Dies waren Gottfried Fickentscher, Brand (Mitgl. Nr. 5), Adolf Purucker, Brand (Mitgl. Nr. 6) und Karl Reichel, Brand (Mitgl. Nr. 7). Es dauerte über 1 ½ Jahre (bis zum 19.8.52) bis die 8 Gründungsmitglieder amtlich beim Registergericht eingetragen waren. Die künstliche Besamung breitete sich im Rahmen der Deckseuchenbekämpfung schnell aus und fand auch schnell Anerkennung bei den Landwirten, was sich in den Beitritten zur Genossenschaft abzeichnet. Kurz nach der Gründungsversammlung traten weitere 50 Mitglieder aus den Gemeinden Lorenzreuth, Wölsau, Haag, Brand, Haingrün, Thölau, Marktredwitz und Korbersdorf der Genossenschaft bei (Eintragung 25.9.52). Ca 170 weitere Mitglieder aus Waldershof, Seussen und Groschlattengrün (Eintragung 17.10.52, 28.10.52, 31.12.52) traten im Folgenden der Genossenschaft bei. Die rasante Ausweitung der Mitgliedszahlen –insbesondere nach der Einführung der Samentiefgefrierung ist hier eingehend dargestellt.

In der Anfangszeit wurde die künstliche Besamung durch die damaligen Amtstierärzte Dr. Lochmüller, Wunsiedel und Dr. Altmann, Kemnath stark gefördert. Sie erkannten, daß die künstliche Besamung der einzig richtige Ausweg aus der prekären Situation war. Die Tierzucht, aber auch das Ministerium in München stand den Bestrebungen im rauhen Fichtelgebirge, damals am Rande des eisernen Vorhanges, äußerst skeptisch gegenüber und gaben einer Besamungsstation keine Aussicht auf Weiterentwicklung. So mußten die ersten Versammlungen zum Teil gegen die Verbände abgehalten werden, da diese Angst um ihren Zuchtbullenmarkt hatten. Widrige Straßenverhältnisse waren für die Versammlungen und die spätere Betreuung der Betriebe kein Hindernis. Mit Lehrfilmen konnte die Besamungs - Technik den Landwirten und auch den Bürgermeistern vorgeführt werden.

Viele Gemeinden (die ja damals zur Vatertierhaltung verpflichtet waren, s. Vertrag) und Bullenhaltungsgenossenschaften konnten von der neuen Technik überzeugt werden und traten der Genossenschaft bei. Lange Zeit wurde von den meisten Gemeinden die künstliche Besamung auch finanziell gefördert. Noch heute erhalten die Landwirte in den Gemeinden Kirchenlamitz, Konradsreuth, Rehau und Selb einen Zuschuß der Gemeinde zur KB. Nach kurzer Zeit erkannten auch die Zuchtverbände die Chancen, die in der künstlichen Besamung lagen und arbeiteten mit den Stationen zusammen. Entsprechende Vereinbarungen wurden schon 1974 geschlossen.

Die steigende Nachfrage führte am 10.1.53 zur Anstellung des ersten Besamungstechnikers der Station. Herr Ludwig Postner aus Waldershof hat im Laufe seiner Karriere weit über 125´000 Erstbesamungen durchgeführt. Am 31.3.1975 trat Herr Postner in den wohlverdienten Ruhestand. Die Besamungen in Wölsau werden, da von den Tierärzten das Interesse an der Durchführung der Besamung von Jahr zu Jahr geringer wurde, überwiegend von Besamungstechnikern durchgeführt.

1967 wurde von Dr. Kräußlich anläßlich der Vertreter – Versammlung das Besamungs- zuchtprogramm vorgestellt. Die gezielte Paarung der besten Kühe mit ausgewählten Bullen ist noch heute die Basis des Zuchtprogrammes. So wurde 1971 für die "Gezielte Paarung" 15 Bullen ausgesucht. Die ausgesuchten Kühe mußten mindestens einen Zuchtwert von +600 kg Milch und ansonsten Top sein. Im anschließenden Prüfeinsatz sollen zur Zuchtwertermittlung mindestens 300 MLP - Kühe besamt werden. Von 18 Prüfbullen wurden nur 3 positiv geprüfte Bullen erwartet. Es galt daher Wartebullenplätze zu suchen. Mit dem Anwesen Flügel in Wölsau wurde man für die Zeit von 1971 bis 1977 fündig. Mit dem 1977 gebauten Wartebullenstall wurde die Station auch in der Bullenhaltung selbständig. 1979 wurde von der Wartebullenhaltung auf die Samen - Langzeitlagerung umgestellt. Einfacherer Umgang mit den Bullen, bessere Samenqualität und Kosteneinsparungen sprachen dafür, von jedem Stier 20´000 bis 30´000 Portionen Samen einzulagern und den Stier vor Erreichen seines Zuchtwertes zu schlachten. Das Verfahren wird noch heute mit den meisten Stieren an der Station angewandt. Mit den eingelagerten Portionen kann der Bedarf im Einzugsbereich von Wölsau bis auf wenige Ausnahmen so lange abgedeckt werden, bis Söhne von dem ausgesuchten Stier zum Prüfeinsatz zu Verfügung stehen.

Wachsende Besamungszahlen machten es fast nicht mehr möglich, die statistische Auswertung der Daten und das Rechnungswesen in traditionellem Sinne durchzuführen. Die Einführung der EDV war unumgänglich. In dem damaligen Geschäftsführer Dr. Erich Schröder fand sich auch ein erfahrener EDV-Mann, hat er doch zuvor schon einige Jahre beim LKV in Schleswig-Holstein auf diesem Gebiet Erfahrungen sammeln können. Die ersten Versuche wurden mit einem Datenverarbeitungsunternehmen außer Hause gemacht. Es erwies sich jedoch bald als sinnvoll, ein Softwarehaus zu suchen und die ganze Datenverarbeitung im eigenen Hause durchzuführen. In der Firma Reck - Software fand sich ein sehr offener und angenehmer Partner, der auch bereits bei einer anderen Besamungsstation (Herbertingen) tätig war. Als eine der ersten Stationen in Bayern wurden in Marktredwitz alle Bereiche im eigenen Hause durchgeführt.

Heute deckt die EDV-Anlage die Bereiche Besamungsscheindatei (als Herz aller Berechnungen), Bullendatei, Labordaten, Mitgliederdaten und Angestelltendaten ab. Das ganze Rechnungswesen (Abrechnung mit den Landwirten, Löhne und Gehälter, Bilanzierung), die Auswertung der Besamungsdaten (Befruchtungsergebnis der Bullen, Besamungsergebnis der Techniker, Fruchtbarkeitslage in den Betrieben), die Kommunikation mit den Banken (zur Abrechnung) und dem LKV (zur Zuchtwertberechnung), und die Überwachung der Samenproduktion und des Samenlagers sind heute zu wesentlichen und unentbehrlichen Hilfsmittel in der Führung des Unternehmens Besamungsstation geworden. Eine schnelle Abwicklung des Rechnungswesens über Bankeinzug und eine stets aktuelle Übersicht über die wirtschaftlich wesentlichen Eckdaten der Besamungsstation ist heute nicht mehr wegzudenken. Daß die Entscheidung zur hausinternen EDV richtig war läßt sich daraus ersehen, daß mehr und mehr Besamungsorganisationen dem Beispiel Marktredwitz folgten. Da die ursprüngliche Betreuungsfirma Konkurs anmelden mußte, wurden die Mitarbeiter von der Firma RuB Software übernommen, die heute mehrere Zucht- und Besamungsstationen in Deutschland betreut.

Die moderne Zeit der Tierzucht ist gezeichnet durch entsprechend starke Regeln und Gesetze, die im Hinblick auf den großen möglichen Absatzmarkt und die sich daraus ergebenden Gefahren für den Verbraucher auch notwendig sind. Die Grundlage für den Betrieb einer Besamungsstation ist in Tierzuchtgesetzen, welche sich jeweils auf Länder-, Bundes- und EG- Ebene bewegen, mit den entsprechenden Ausführungsbestimmungen und Verordnungen festgelegt. Die daraus resultierende "Betriebserlaubnis" enthält zur Zeit noch einen sachlichen und räumlichen Tätigkeitsbereich der entsprechenden Station. Diese Grundfesten werden mit den geplanten Änderungen zur Liberalisierung in der Tierzuchtgesetzgebung in naher Zukunft fallen. Im weiteren sind die hygienischen Bedingungen für die Bullenhaltung, die Samengewinnung, die Samenaufbereitung und den Samenhandel in einer Richtlinie der Europäischen Gemeinschaft festgelegt. Die Bedingungen wurden von der Besamungsstation Marktredwitz schon Jahre zuvor erfüllt. Die EG - Zulassungsnummer (D-KBR 013 - EWG) konnte deshalb am 13.3.1990 und am 11.2.1994 für die Besamungsstation und am 1.2.1994 für die Embryotransfereinheit (D - ETR 013 - EWG) problemlos erteilt werden.

Bullen - Körung anno dazumal

 

Um im internationalen Spermahandel mit entsprechendem Gewicht auftreten zu können haben sich die deutschen Besamungsorganisationen zu einer gemeinsamen Vermarktungseinrichtung, der "SPERMEX‘, zusammengeschlossen. Der Kreis der Mitgliedstationen in der Spermex ist in den letzten Jahren auf die wesentlichen Stationen in Süddeutschland mit Schwerpunkt Fleckvieh, Gelbvieh und Braunvieh geschrumpft. Der allgemeine Geschäftsbetrieb der Spermex wird zur Zeit durch das Zuchtviehkontor München wahrgenommen. Wieweit die Samenvermarktung auch in Zukunft unter dem Umfeld der "BSE" – Krise eine wesentliche Rolle spielen wird, wird sich zeigen. Die Geschäftspolitik in Wölsau ist so ausgerichtet, daß die finanzielle Absicherung allein durch das Zweckgeschäft, die Besamung in den Mitgliedsbetrieben, gegeben ist. Die Einnahmen aus dem Samen – Export wurden stets als ein angenehmes Zusatzeinkommen, nie als Standbein, betrachtet.

Nicht zu vergessen ist die enge Zusammenarbeit mit den Regierungsstellen. Ohne die große finanzielle Unterstützung des Freistaates Bayern in vielen Bereichen der Tierzucht (Milchleistungs- und Fleischleistungskontrolle, LKV, Datensammlung und -Auswertung, Zuchtwertschätzung, Nachzuchtbewertung, Organisation von Ausstellungen und Tagungen .... ) könnte die Besamung nicht mehr so kostengünstig arbeiten. Es sei an dieser Stelle allen Verantwortlichen gedankt und gleichzeitig die Hoffnung auf eine anhaltende Unterstützung zum Wohle der bayerischen Landwirtschaft ausgesprochen.

Bullenpräsentation am 1. Mai auf der Wiese

Bullenpräsentation am 1. Mai im Hof

Die Themen der Vertreterversammlung und die im Mitteilungsblatt veröffentlichen Artikel spiegeln das Umfeld in Agrar- und Zuchtpolitik. Sie sind aus diesem Grunde auch auf einer neuen Seite aufgeführt